Texte zu überfliegen ist in Ordnung, wenn du weißt, wo Wichtiges verloren geht
Untersuchungen der Nielsen Norman Group zeigen: Die meisten Menschen lesen Text auf dem Bildschirm nicht durchgehend, sondern scannen ihn. Wir sehen uns an, wohin der Blick dabei geht, warum Fristen, Bedingungen und Ausnahmen als Erstes untergehen und wie du einen Text so überfliegst, dass du sie trotzdem findest.
Du öffnest einen langen Beitrag, überfliegst die ersten Zeilen und scrollst weiter. Später stellt sich heraus, dass das Wichtigste in der Mitte stand: eine Frist, eine Bedingung oder ein kurzes „außer“.
In solchen Momenten denkt man leicht, man hätte das Lesen verlernt. Aber auf dem Bildschirm liest kaum jemand einen Text von Anfang bis Ende. Die Augen folgen einer gewohnten Route und greifen Stücke heraus, und Forschende zeichnen schon lange auf, wohin genau sie schauen. Wenn du diese Route kennst, wird klar, warum Wichtiges untergeht und wie du es nicht verlierst.
Am Bildschirm lesen nur wenige durchgehend
Die Nielsen Norman Group (NN/g) untersucht, wie Menschen Websites und Apps nutzen. 1997 stellten Jakob Nielsen und seine Kollegen fest: 79 % der Testpersonen scannten eine neue Seite immer, und nur 16 % lasen sie Wort für Wort (How Users Read on the Web). Das sind Laborstudien von vor fast dreißig Jahren, aber spätere Daten der NN/g weisen in dieselbe Richtung.
2008 wertete Nielsen die Browserprotokolle von 25 Personen aus, die das Internet wie gewohnt nutzten, ohne Aufgaben von den Forschenden. Die durchschnittliche Seite hatte etwa 600 Wörter, und während eines Besuchs hätte eine Person höchstens 28 % davon lesen können, selbst wenn sie die ganze Zeit nur gelesen hätte. Realistisch geschätzt sind es etwa 20 %. Die Hälfte des Textes schafften die Menschen nur auf den kürzesten Seiten mit bis zu 111 Wörtern (How Little Do Users Read?).
Blickbewegungen wurden in dieser Studie nicht aufgezeichnet: Die Schätzung beruht auf der Verweildauer auf der Seite. Die Teilnehmenden waren gebildeter als der durchschnittliche Nutzer, und die Daten wurden bereits 2005 erhoben. Am Ergebnis ändert das nichts: Für den größten Teil eines Textes bleibt schlicht keine Zeit.
Scannen spart Kraft
Die Forschenden der NN/g erklären das mit Sparsamkeit. Man öffnet einen Text, um eine Antwort auf die eigene Frage zu bekommen, und versucht, sie mit möglichst wenig Aufwand zu finden. Ihnen zufolge wissen Menschen aus Erfahrung, dass Scannen fast so viel Information liefert wie Lesen, aber deutlich weniger Zeit und Kraft kostet (Text Scanning Patterns). Gemessen wurde das nicht, aber es passt gut zu dem, was die Blickaufzeichnungen zeigen.
Falls du den Eindruck hast, dass du auf dem Handy schlechter verstehst, was du liest: Eine der Studien der NN/g bestätigt das nicht. 2016 lasen 276 Personen leichte und schwierige Artikel auf einem Handy oder einem Computer, danach prüften die Forschenden, wie sie den Text verstanden hatten. Ein praktischer Unterschied beim Verständnis fand sich nicht, nur schwierige Texte wurden auf dem Handy langsamer gelesen (Reading Content on Mobile Devices).
Texte zu überfliegen ist also eine gewöhnliche Art, am Bildschirm zu lesen, und die meisten Menschen machen es genauso. Das Problem beginnt, wenn das Scannen von selbst läuft und du nicht merkst, wohin deine Augen schauen.
Der Buchstabe F: Was der Blick in einem Fließtext überspringt
2006 beschrieb die NN/g mithilfe von Eyetracking, also der Aufzeichnung von Augenbewegungen, das F-Muster. 2017 überprüften die Forschenden es erneut, auf Computern und Handys, und es war immer noch da (F-Shaped Pattern of Reading on the Web).
So sieht es aus. Zuerst wandert der Blick fast über die ganze Breite des oberen Textteils. Dann rutscht er etwas tiefer und wandert noch einmal quer darüber, diesmal kürzer. Danach bewegt er sich am linken Rand nach unten und bleibt an den ersten Wörtern der Zeilen hängen. Auf der Heatmap der Blicke ergibt sich ein F. In Sprachen, die von rechts nach links geschrieben werden, ist es gespiegelt.
Nach den Beobachtungen der NN/g lesen Menschen so, wenn drei Bedingungen zusammenkommen:
- der Text ist eine durchgehende Wand, ohne Zwischenüberschriften, Listen und hervorgehobene Wörter;
- die Person will mit dem Text schnell fertig werden;
- der Text interessiert sie nicht so sehr, dass sie jedes Wort lesen würde.
Die Forschenden nennen das F-Muster ausdrücklich schlecht für die Lesenden. Die ersten Zeilen bekommen mehr Blicke als die folgenden, und die ersten Wörter einer Zeile mehr als der Rest. Über alles andere geht der Blick nur flüchtig hinweg, und große Teile des Textes fallen heraus. Übersprungen wird, was an der falschen Stelle steht, selbst wenn es das Wichtigste ist. Und man bemerkt es nicht: Man weiß ja nicht, was man nicht gesehen hat.
Wie Menschen Texte sonst noch durchgehen
Das F-Muster ist nicht das einzige. 2019 beschrieb die NN/g vier Hauptarten, wie Menschen einen Text durchgehen (Text Scanning Patterns). Geordnet von der am wenigsten bis zur am meisten effizienten:
- F-Muster: Der Blick geht am oberen und am linken Rand entlang, wie oben beschrieben.
- Punktuell. Der Blick springt durch den Text und bleibt an einzelnen Wörtern hängen: an hervorgehobenen, an Links oder an solchen, die dem ähneln, was man sucht. Wenn du ein Datum suchst, finden die Augen die Zahlen von selbst.
- Schichtweise. Der Blick geht die Überschriften und Zwischenüberschriften entlang, überspringt den Text dazwischen und hält beim passenden Abschnitt an, um ihn zu lesen. Abgesehen vom vollständigen Lesen ist das die effizienteste Art zu scannen.
- Engagiertes Lesen. Man liest fast jedes Wort. Das passiert, wenn der Text wirklich gebraucht wird oder interessant ist: In den Beispielen der NN/g bereitet sich jemand auf einen Wissenstest vor oder arbeitet sich durch die Anleitung zur Rückgabe eines Einkaufs. Genauso liest man, wenn man der Quelle vertraut oder sicher ist, genau das gefunden zu haben, was man gesucht hat.
Der letzte Punkt ist wichtig: Das vollständige Lesen ist nicht verschwunden. Menschen wechseln dazu, wenn sie entscheiden, dass der Text es wert ist. Du musst dich also nicht zwingen, alles am Stück zu lesen. Wichtig ist, die Art des Lesens selbst zu wählen und sie nicht dem Zufall zu überlassen.
Wie du bewusst scannst
Die folgenden Tipps hat die Redaktion daraus abgeleitet, wie die Muster funktionieren. In einer eigenen Studie wurden sie nicht überprüft.
Entscheide, was du von dem Text brauchst. „Verstehen, worum es geht“ und „herausfinden, bis wann der Antrag eingereicht werden muss“ sind verschiedene Aufgaben. Für die zweite funktioniert die punktuelle Suche besser als jedes Lesen: Die Augen finden die Zahlen von selbst, wenn du weißt, was du suchst.
Sieh dir an, wie der Text aufgebaut ist. Wenn es Zwischenüberschriften gibt, geh sie durch: Das ist schichtweises Scannen, der schnellste Weg zu verstehen, worum es im Text geht und wo der Teil steht, den du brauchst. Wenn es keine Zwischenüberschriften, aber Absätze gibt, lies deren erste Sätze. Schon daran siehst du, ob der Text deine Zeit wert ist. Wenn du eine durchgehende Wand ohne Absätze vor dir hast, funktioniert dieser Schritt nicht, dann geh zum nächsten über.
Suche Einschränkungen dort, wohin das F-Muster nicht schaut. Die Hauptaussage steht meist am Anfang eines Satzes oder Beitrags, die Einschränkungen folgen danach: „aber“, „außer“, „nur wenn“, „bis“, „vorausgesetzt“. Sie landen weiter hinten im Satz und weiter unten im Text, also dort, wo der Blick beim F-Muster vorbeigleitet. Deshalb geh einen langen Beitrag, besonders einen ohne Gliederung, punktuell durch: Suche nach diesen Wörtern, nach Zahlen und Daten. Wenn du eine solche Stelle findest, lies den Satz darum herum ganz.
Hier ein ausgedachtes Beispiel, ein Beitrag in einem Arbeitskanal:
Ab Montag nehmen wir Berichte nur noch im neuen Formular an, die Vorlage steht in der angehefteten Nachricht. Die alten Vorlagen löscht ihr am besten, damit nichts durcheinanderkommt. Das Ausfüllen ist jetzt einfacher: Einige Felder werden automatisch befüllt, und die Unterschrift der Führungskraft ist nicht mehr nötig. Wenn etwas nicht automatisch befüllt wird, schreibt es in die Kommentare. Berichte für September könnt ihr bis zum 15. Oktober noch im alten Formular abgeben, außer Dienstreiseberichte: Die gehen nur im neuen. Danke an alle, die beim Testen des Formulars geholfen haben.
Beim schnellen Durchsehen bleibt der erste Satz hängen, und du fängst an, alle Berichte neu zu machen. Die September-Berichte hättest du aber nicht neu machen müssen: Die Frist steht im vorletzten Satz. Wer bis dahin liest, aber über das „außer“ hinweggeht, gibt den Dienstreisebericht im alten Formular ab, obwohl es für Dienstreisen nicht mehr gilt. Ein punktueller Durchgang hätte diese Stelle sofort gefunden: „September“, „15. Oktober“ und „außer“ stehen in einem Satz.
Lies ganz, wenn vom Text eine Handlung abhängt. Wenn du aufgrund des Textes bezahlen, unterschreiben, etwas abschicken, Pläne ändern oder ihn einer Kollegin oder einem Kollegen wiedergeben wirst, reicht Scannen nicht. Es hilft zu entscheiden, ob du den Text lesen solltest, ersetzt das Lesen selbst aber nicht, wo es auf Details ankommt.
Manchmal liegt es am Text
Wenn ein Beitrag eine durchgehende Wand ohne Absätze und Hervorhebungen ist und dich das Thema nicht so sehr interessiert, dass du jedes Wort lesen würdest, folgt der Blick fast sicher dem F. Er findet nichts, woran er hängen bleiben könnte, außer den ersten Zeilen, und die Lücken sind hier eine Folge der Textform, nicht deiner Unaufmerksamkeit.
Das zeigt auch ein altes Experiment der NN/g. 1997 erledigten 51 Personen Aufgaben auf verschiedenen Versionen derselben Lernwebsite mit denselben Informationen. Die Version, die zugleich kurz, gut scannbar und ohne werbliche Übertreibungen geschrieben war, schnitt bei der gemessenen Benutzerfreundlichkeit um 124 % besser ab als das Original (Concise, SCANNABLE, and Objective). Es war nur eine Website und die Kennzahl war zusammengesetzt, deshalb sollte man die Zahl nicht auf jeden beliebigen Text übertragen, aber die Richtung ist klar.
Wenn du also das nächste Mal an einem langen Beitrag vorbeiscrollst, frag dich, warum. Wenn du den Text nicht brauchst, kannst du ihn ruhig überspringen. Wenn er sich einfach schwer lesen lässt, kämpf dich nicht am Stück durch die Wand: Geh ihn punktuell durch und such nach Zahlen, Daten und Einschränkungen. Und wenn vom Text etwas abhängt, das du tun musst, lies zumindest den Teil ganz, der dich betrifft.